Advanced German: Regional landscapes
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Advanced German: Regional landscapes

11 Heimat – Max Frisch

Sie haben schon viel über Landschaften und ihre Bedeutung gelernt. Hier geht es um das Thema Heimat. 1973 hielt Max Frisch eine Rede „Die Schweiz als Heimat“, in der er sich kritisch mit dem Konzept Heimat auseinandersetzt. Sie lesen und analysieren die Struktur dieses Textes. Sie analysieren auch einige sprachliche Mittel, mit denen der Autor seinen Text strukturiert und so versucht, auf Zuhörer und Leser zu wirken.

Kultur verstehen: Max Frisch

Max Frisch war ein schweizerischer Schriftsteller (1911–1991). Er wurde in Zürich geboren und lebte längere Zeit in Rom. Frisch ist vor allem für seine Romane (z.B. „Stiller“, „Homo Faber“) und Dramen (z.B. „Andorra“) bekannt.

Bild 15 Max Frisch

Aufgabe 24

Lesen Sie nun den ersten Ausschnitt der Rede. Analysieren Sie die Struktur der Einleitung, mit der Frisch den Begriff Heimat vorstellt. Notieren Sie auch, welche Teile des Ausschnitts Fakten und welche Behauptungen oder Meinungen sind.

Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des Großen Schillerpreises

Herr Präsident, meine Damen und Herren.

[…] Eine Ehrung aus der Heimat (und so sehe ich diesen Anlaß hier und bin bewegt) weckt vor allem die Frage, was eigentlich unter Heimat zu verstehen ist.

Laut Duden: „Heimat, die (Plural ungebräuchlich): wo jemand zu Hause ist; Land, Landesteil oder Ort, in dem man (geboren und) aufgewachsen ist oder ständigen Wohnsitz gehabt hat und sich geborgen fühlt oder fühlte.“ Was der Duden sagt, gilt auch für die Mundart: „Wird oft angewandt, um eine besonders gefühlsbetonte Stimmung auszudrücken oder zu erwecken.“ Seit einiger Zeit allerdings nehmen wir das Wort ungern in den Mund; man beißt auf Anführungszeichen: „Heimat- Stil“, „Glocken der Heimat“ usw., es erinnert an die Maxime: „Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat“, es riecht weniger nach Land oder Stadt, wo man, laut Duden, zu Hause ist, als nach einer heilen Welt und somit nach Geschichtsfälschung als Heimatkunde.

(Max Frisch, Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des Großen Schillerpreises in Max Frisch „Schweiz als Heimat? Versuche über 50 Jahre“, 1990, S. 365–373.)
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Discussion

  • Frisch erklärt, warum er über das Thema Heimat spricht: Eine Ehrung des Landes, zu dem er sich emotional verbunden fühlt („ich bin bewegt“). Frisch stellt das Thema in einen Kontext (Kontextualisierung).
  • Duden-Definition von Heimat: Heimat als Ort, wo man wohnt, geboren wurde, aufgewachsen ist oder sich Zuhause fühlt (Darstellung von Fakten).
  • Die Definition wird auf den Begriff Mundart übertragen: Mundart wird oft verwendet, um Gefühle zu vermitteln. Das Zitat „wird oft …zu erwecken“ deutet darauf hin, dass Frisch noch einmal aus dem Duden zitiert (Übertragung von Sachverhalten).
  • Der Begriff Heimat wird nicht mehr gerne verwendet, weil man heute weniger an die Definition im Duden denkt. Oft dominieren romantische und historische Assoziationen, die nicht nachprüfbar sind. (Problematisierung).

Fakten und Behauptungen:

  • Die Definitionen für Heimat und Mundart sind Fakten. Man kann sie im Duden nachprüfen.
  • Das Heimatgefühl von Frisch ist eine Aussage, die man nicht nachprüfen kann. Man kann ihm glauben, oder aber daran zweifeln, z.B. wenn man Quellen hätte, in denen Frisch das Gegenteil behauptet hat.
  • Die Übertragung der Bedeutung von Heimat auf Mundart ist eine Behauptung. Man kann Sie überprüfen, weil Frisch jeweils die Definitionen zitiert hat.
  • Die Problematisierung des Begriffes Heimat ist eine Behauptung, die Frisch im weiteren Verlauf der Rede mit Beispielen belegen muss. Die Zuhörer können dann entscheiden, ob sie der Behauptung zustimmen, also ob die Argumente von Frisch plausibel und logisch erscheinen, oder nicht.

Kontextualisierung, Darstellung von Fakten, Übertragung von Sachverhalten und Problematisierung sind wichtige Komponenten, die in den meisten Sachtexten in irgendeiner Form vorkommen.

Aufgabe 25

Lesen Sie den Rest der Rede und notieren Sie die Begriffe, die andeuten, was für Frisch zur Heimat gehören könnte.

Liebe Landsleute:

Ich bin in der Helios-Straße geboren … Quartier als Heimat; dazu gehört das erste Schulhaus (es steht noch) so wie eine Metzgerei, wo ich Fliegen fangen darf für meinen Laubfrosch […].

[…]

Wie ist es mit dem Pfannenstiel?

Landschaft als Heimat …[...] Fast meint man: diese Landschaft kennt dich (mehr als du es vielleicht willst), diese Kiesgrube, dieser Holzweg … […]

Unsere Mundart gehört zu meiner Heimat.

Viele Wörter, vor allem Wörter, die Dingliches bezeichnen, bietet die Mundart an; oft weiß ich kein hochdeutsches Synonym dafür. […] Als Schriftsteller übrigens, angewiesen auf die Schriftsprache, bin ich dankbar für die Mundart; sie hält das Bewußtsein in uns wach, daß Sprache, wenn wir schreiben, immer ein Kunst-Material ist. Natürlich reden Mundart auch Leute, denen man nicht die Hand gibt oder nur unter gesellschaftlichem Zwang. Wenn wir uns überhaupt nicht kennen, so kann die Mundart, die gemeinsame, sogar befremden […]. Es gibt [auch] Menschen, die unsere Mundart nicht sprechen und trotzdem zu meiner Heimat gehören, sofern Heimat heißen soll: Hier weiß ich mich zugehörig.

[…]

Quartier, Landschaft, Mundart –

Es muß noch anderes geben, was Heimatlichkeit hervorbringt, Gefühl der Zugehörigkeit, Bewußtsein der Zugehörigkeit. Ich denke zum Beispiel an eine Baustelle in Zürich: ein Platz der beruflichen Tätigkeit […]. In erster Linie war es (für mich) das Zürcher Schauspielhaus. […]

HEIMAT

[…]

Mit Freunden ist es so: einer ist Fallschirmspringer der deutschen Wehrmacht gewesen, einer in russischer Gefangenschaft, […]; ein amerikanischer Freund ist in Korea gewesen und spricht nie davon; wieder ein andrer, Jude, ist unter Stalin zehn Jahre im Kerker gewesen – und man versteht sich nicht weniger als mit Freunden in Biel oder Basel oder Solothurn oder Zürich; nicht weniger, doch anders. Jene sind Freunde, diese sind Freunde und Landsleute: unsere Erfahrungen sind ähnlicher, unsere Lebensläufe vergleichbar, und bei allem Unterschied der Temperamente haben wir schließlich den gleichen Bundesrat, die gleiche Landesgeschichte.

Also doch: Schweiz als Heimat?

Außer Zweifel steht das Bedürfnis nach Heimat, und obschon ich nicht ohne weiteres definieren kann, was ich als Heimat empfinde, so darf ich ohne Zögern sagen: Ich habe eine Heimat, ich bin nicht heimatlos, ich bin froh, Heimat zu haben – aber kann ich sagen, es sei die Schweiz?

[…]

Man wählt sich die Heimat nicht aus.

Trotzdem zögere ich zu sagen: MEINE HEIMAT IST DIE SCHWEIZ. Andere sagen SCHWEIZ und meinen etwas anderes. Unsere Verfassung bestimmt nicht, wer eigentlich zu bestimmen hat, was SCHWEIZERISCH oder UNSCHWEIZERISCH ist – wer: die Bundesanwaltschaft? der Stammtisch? der Hochschulrat? die Finanz und ihre gediegene Presse? die Schweizerische Offiziersgesellschaft?

[…]

„UNBEHAGEN IM KLEINSTAAT“

[…] Wie heimatlich der Staat ist (und das heißt: wie verteidigungswürdig), wird immer davon abhängen, wieweit wir uns mit den staatlichen Einrichtungen und (das kommt dazu) mit ihrer derzeitigen Handhabung identifizieren können. […] Mit der schweizerischen Militär-Justiz, wo die Armee als Richter in eigner Sache richtet, kann ein Demokrat sich schwerlich identifizieren. Wage ich es dennoch, mein naives Bedürfnis nach Heimat zu verbinden mit meiner Staatsbürgerschaft, nämlich zu sagen: ICH BIN SCHWEIZER (nicht bloß Inhaber eines schweizerischen Reisepasses, geboren auf schweizerischem Territorium usw., sondern Schweizer aus Bekenntnis), so kann ich mich allerdings, wenn ich HEIMAT sage, nicht mehr begnügen mit Pfannenstiel und Greifensee und Lindenhof und Mundart […]; dann gehört zu meiner Heimat auch die Schande, zum Beispiel die schweizerische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg und anderes, was zu unserer Zeit geschieht oder nicht geschieht. Das ist, ich weiß, nicht der Heimat-Begriff nach dem Schnittmuster der Abteilung HEER UND HAUS; es ist meiner. Heimat ist nicht durch Behaglichkeit definiert.

Wer HEIMAT sagt, nimmt mehr auf sich. Wenn ich z.B. lese, daß unsere Botschaft in Santiago de Chile […] in entscheidenden Stunden und Tagen keine Betten hat für Anhänger einer rechtmäßigen Regierung, die keine Betten suchen, sondern Schutz vor barbarischer Rechtlosigkeit und Exekution (mit Sturmgewehren schweizerischer Herkunft) oder Folter, so verstehe ich mich als Schweizer ganz und gar, dieser meiner Heimat verbunden – einmal wieder – in Zorn und Scham.

Ich komme zum Dank.

Ich danke der Schweizerischen Schillerstiftung für die hohe Ehre aus der Heimat […]. Ich danke Ihnen, daß Sie hierher gekommen sind.

(Max Frisch, Die Schweiz als Heimat? Rede zur Verleihung des Großen Schillerpreises in Max Frisch „Schweiz als Heimat? Versuche über 50 Jahre“, 1990, S. 365–373.)

Vokabular

Quartier (nt.) Stadtviertel

Pfannenstiel (m.) Landschaft in der Nähe von Zürich

Greifensee (m.) See in der Nähe von Zürich

Lindenhof (m.) Hügel in Zürich

Bewußtsein 1996 begann eine Rechtschreibreform in deutschsprachigen Ländern. Der Buchstabe ß wurde viel seltener benutzt (nur nach langen Vokalen) als bisher. Heute schreibt man „Bewusstsein“.

Heer und Haus schweizerische Armee-Sektion, die zwischen 1939 und 1978 Aufklärungszwecken diente

Described image
Bild 16 Pfannenstiel bei Zürich
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Discussion

Sie haben sicherlich einige dieser Begriffe unterstrichen:

Quartier (das erste Schulhaus, eine Metzgerei); Landschaft (Pfannenstiel); Mundart; Gefühl der Zugehörigkeit; Bewusstsein der Zugehörigkeit; Platz der beruflichen Tätigkeit (Zürcher Schauspielhaus); Freunde; Landsleute; Schweiz; Staat; Schande (die schweizerische Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg, Schweizer Botschaft in Santiago de Chile).

Aufgabe 26

Frisch benutzt bestimmte sprachliche Mittel, die seinem Text einen gesprochenen Charakter geben. Lesen Sie die Rede (Aufgabe A und B) noch einmal und konzentrieren Sie sich auf die rhetorische Gestaltung. Finden Sie je zwei Beispiele für die unten genannten sprachlichen Mittel.

  • unvollständige Sätze
  • Untertitel
  • Fragen
  • Benutzung von „ich“
  • Benutzung von „wir“
  • direkte Ansprache des Publikums
  • Kommentierung der Argumentation
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Discussion

Hier einige Beispiele.

  • unvollständige Sätze: Landschaft als Heimat …; […] wer: die Bundesanwaltschaft? der Stammtisch?
  • Untertitel: Heimat; „Unbehagen im Kleinstaat“
  • Fragen: Wie ist es mit dem Pfannenstiel?; Schweiz als Heimat?
  • Benutzung von „ich“: Ich bin in der Helios-Straße geboren; Ich habe eine Heimat
  • Benutzung von „wir“: Seit einiger Zeit allerdings nehmen wir das Wort ungern in den Mund […]; Wenn wir uns überhaupt nicht kennen
  • (Frisch verwendet „wir“ für verschiedene Gruppen von Menschen: die Schweizer, das Publikum, Schriftsteller, Freunde.)
  • direkte Ansprache des Publikums: Herr Präsident, meine Damen und Herren; Liebe Landsleute
  • Kommentierung der Argumentation: Es muss noch anderes geben, was Heimatlichkeit hervorbringt; Trotzdem zögere ich zu sagen
Described image
Bild 17 Das Gemälde: „Die drei Eidgenossen beim Schwur auf dem Rütli“ (Johann Heinrich Füssli, 1780)

Aufgabe 27

Welche Wirkung erzielt Frisch mit sprachlichen Mitteln? Was ist ihre Funktion?

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Discussion

Vergleichen Sie Ihre Ideen mit diesen Vorschlägen.

  • Unvollständige und auch kurze Sätze klingen spontan.
  • Mit Fragen spricht Frisch seine Zuhörerinnen und Zuhörer direkt an.
  • Mit rhetorischen Fragen regt er die Adressaten zu eigenen kritischen Gedanken an.
  • Die Benutzung von „ich“ macht seine Rede persönlicher und weniger formell.
  • Mit der Benutzung von „wir“ versucht Frisch eine Verbindung zwischen sich selbst als Sprecher und seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu schaffen. Er benutzt „wir“ , um ihre gemeinsame Identität als Schweizer und Schweizerinnen zu betonen.
  • Die direkte Ansprache des Publikums schafft eine Nähe zwischen Sprecher und Zuhörern.
  • Mit der Kommentierung seiner eigenen Argumente gibt Frisch vor, wie er seine Argumente verstanden wissen will.

Versuchen Sie einige der sprachlichen Mittel auch in Ihren Vorträgen zu verwenden. Sie machen Vorträge abwechslungsreicher, interessanter und spontaner.

Aufgabe 28

Lesen Sie nun noch einmal den Teil der Rede der mit „Also doch: Schweiz als Heimat?“ beginnt (Aufgabe B), und beantworten Sie die folgende Fragen.

  1. Wie kann man Frischs Verhältnis zur Schweiz als Staat beschreiben?
  2. Was ist Ihrer Meinung nach Frischs Absicht mit dieser Rede?
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Discussion

  1. Frisch zögert zuerst, den Schweizer Staat als seine Heimat zu bezeichnen. Die Dinge, die für ihn mit Heimat zu tun haben (wie Landschaft oder Mundart), reichen nicht aus, um Heimat vollständig zu definieren. Am Ende beschreibt er die Schweiz doch als seine Heimat, zu der aber auch die negativen Aspekte gehören müssen (etwa in der Geschichte oder der Politik).
  2. Frisch hat mehrere Absichten. Zum einen will er sich für den Preis, den man ihm verliehen hat, bedanken; zum anderen versucht er, sein differenziertes und gebrochenes Verhältnis zu seinem Heimatland darzustellen. Er will damit auch seine Schweizer Zuhörerschaft zum Nachdenken über ihr Verhältnis zu ihrer Heimat anregen.
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